Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Neu erforschte Schicksale von Zeugen Jehovas vom Westerwald

Sehr gern weist der Förderverein Mahnmal Koblenz auf neue Forschungsergebnisse zu den Zeugen Jehovas hin, die er von dem Lehrer und Historiker Dr. Markus Müller erhalten hat.

Dem Förderverein ist es seit mehr als 20 Jahren wichtig, über das ganz besondere Schicksal der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit, die damals noch Ernste Bibelforscher hießen, aufzuklären. Das geschah bereits im Jahr 2001 mit der Präsentation der Wanderausstellung „Standhaft trotz Verfolgung – Zeugen Jehovas unter dem NS-Regime“ der Wachtturm-Gesellschaft.

Erinnert wurde damit an die Menschen dieser damals sehr kleinen Gruppe von Christen, die ein ganz schweres und bemerkenswertes Schicksal erlitten hatten, das lange Zeit unbekannt war. Die Ernsten Bibelforscher waren die erste Gruppe, die aus religiösen Gründen verfolgt wurde. Ihr offizielles Verbot datiert bereits vom 24. Juni 1933. Zudem waren die Zeugen Jehovas die einzige religiöse Gruppe, die in den Konzentrationslagern der Nazis eine eigene Häftlingskategorie erhielt, den „lila Winkel“ der Bibelforscher.

So waren die damals ca. 25.000 Zeugen Jehovas in Deutschland einer sehr frühen, ganz außerordentlichen und erbarmungslosen, sehr oft jahrelangen Verfolgung ausgesetzt: Ungefähr 10.000 von ihnen wurden verfolgt, vor allem – von unterschiedlicher Dauer – inhaftiert. Etwa 2.000 Zeugen Jehovas kamen in den Konzentrationslagern um. Darüber hinaus starben oder wurden ermordet 1.200 weitere Zeugen Jehovas. Zu den letztgenannten gehören allein etwa 250, die als Kriegsdienstverweigerer zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden.

Schon damals ergänzte unser Förderverein diese Ausstellung um einen regionalen Teil, in dem erstmals in Koblenz und Umgebung die regionale Geschichte und Verfolgung dieser Glaubensgemeinschaft aufgearbeitet und präsentiert wurde.

Lesen Sie dazu HIER Informationen von 2001


Da im Jahr 2001 die Ausstellung nur wenige Tage hier präsentiert werden konnte, war fast zehn Jahre später, im Jahr 2010, die Verfolgung der Zeugen Jehovas  zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2010 erneut Thema.

Diesmal hatte der Förderverein zu der bundesweiten Wanderausstellung einen regionalen Teil mit Schicksalen von Zeugen Jehovas aus dem Koblenzer Raum erarbeitet. Dargestellt wurden von dem stellvertretenden Vorsitzenden des Fördervereins Mahnmal Koblenz Joachim Hennig unter dem Titel: „Trotz allem standhaft! – Die Verfolgung und Resistenz der Zeugen Jehovas im Raum Koblenz 1933 – 1945“ die Schicksale von insgesamt zwölf Familien bzw. Einzelpersonen. Diese stammten zwar nicht unmittelbar aus Koblenz, da es hier zur damaligen Zeit keine Versammlung und nicht einmal eine Einzelperson dieser Glaubensgemeinschaft gab, wohl aber aus dessen Umgebung.

Lesen Sie dazu HIER Informationen von 2010.

Im letzten Jahr hat nun der Historiker Dr. Markus Müller seine umfangreichen Recherchen zu Zeugen Jehovas im Oberwesterwald veröffentlicht. Unter dem Titel: „Vor 85 Jahren ging die Gestapo gegen die Zeugen Jehovas vor – Neue Erkenntnisse über die Verfolgungen aus Unterlagen der Nationalsozialisten“ berichtet Müller in der Westerwälder Zeitung vom 30. Juni 2021 über eine Gruppe Ernster Bibelforscher aus Zinhain (heute ein Ortsteil von Bad Marienberg) und eine weitere Gruppe aus Borod.

Wir danken Herrn Dr. Markus Müller für die Überlassung seines Beitrages. Dr. Müller aus Nister ist als Oberstudienrat am Mons-Tabor-Gymnasium Montabaur mit den Fächern Deutsch und Geschichte tätig. Er wurde mehrfach mit seinen Lerngruppen für innovative Unterrichtsprojekte ausgezeichnet und erhielt 2009 aus den Händen von Bundespräsident Köhler den Deutschen Lehrerpreis.

Lesen Sie HIER den Zeitungsartikel aus Westerwälder Zeitung vom 30.06.2021

Vor 80 Jahren: Verfolgung, Inhaftierung und Verschleppung jüdischer und politischer Emigranten in Frankreich – Neue Ausstellung

In diesen ersten Wochen und Monaten des Jahres 2022 geht das Gedenken zurück an den beginnenden Völkermord an den Juden Europas vor 80 Jahren. Ein Markstein auf dem Weg in den Holocaust war die sog. Wannsee-Konferenz. Am 20. Januar 1942 trafen sich 15 hochrangige Vertreter des NS-Staates, der NSDAP und der SS zur Besprechung der „mit der Endlösung der Judenfrage zusammenhängenden Fragen“. In der Tarnsprache hieß es in dem später angefertigten Protokoll: „Anstelle der Auswanderung ist nunmehr als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten. (…) Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht. (…) Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa vom Westen nach Osten durchgekämmt.“

Nach der Wannsee-Konferenz wurde dieses Deportationsprogramm umgesetzt. Die schon zuvor begonnenen Deportationen von Juden aus dem „Großdeutschen Reich“ (dem „Altreich“, Österreich sowie Böhmen und Mähren) wurden wieder aufgenommen und die Juden nach und nach aus allen von Deutschland beherrschten Gebieten und aus den meisten mit dem Deutschen Reich verbündeten Staaten verschleppt. Während die Deportationen aus dem „Altreich“ sehr gut aufgearbeitet und weitgehend bekannt sind, ist das Wissen um die Verschleppungen aus dem übrigen Europa eher gering. Und dabei gehörten zu den aus allen Teilen Europas Deportierten nicht nur die einheimischen, sondern auch zahlreiche aus Hitler-Deutschland geflohene Juden.

Deshalb hat unser Förderverein Mahnmal Koblenz aus Anlass der 80. Wiederkehr der Deportationen eine Ausstellung erarbeitet, die das Schicksal der nach Frankreich geflüchteten Juden darstellt. Das Fluchtland Frankreich wurde ausgewählt, weil viele von ihnen, früher oder später, in dieses „klassische Asylland“ emigrierten.

Noch weniger bekannt als das Schicksal der nach Frankreich geflohenen und dann von dort deportierten deutschen Juden ist das der politischen Emigranten. Sie wurden zu Beginn des Krieges als „gefährliche“ oder „unerwünschte“ Ausländer interniert und vielfach „auf Verlangen“ der deutschen Besatzer denen ausgeliefert. Anschließend wurden sie in deutsche Konzentrationslager oder – nach einem Prozess wegen Hochverrats vor dem Volksgerichtshof – in Zuchthäuser verschleppt..

Beide Opfergruppen werden in der Ausstellung exemplarisch an 15 Einzelbiografien oder solchen von Familien aus dem südlichen Rheinland, aus Koblenz und Umgebung, dargestellt. So sind 15 Lebensbilder von ehemaligen Nachbarn entstanden, die der Verfolgung durch Hitler-Deutschland entgehen wollten – und dann doch meist von Holocaust, Verfolgung und Tod eingeholt wurden. Eingeführt in diese Biografien wird mit einer ausführlichen Einleitung zur Situation der Emigranten im damaligen Frankreich.

Die Ausstellung ist auf Personentafeln erstellt und kann beim Förderverein Mahnmal ausgeliehen werden. Da sie wegen der Corona-Beschränkungen bisher noch nicht präsentiert werden konnte, ist sie jetzt auf dieser Homepage virtuell zu sehen.

Möglich wurde das durch das Amt für Wiedergutmachung in Saarburg, das bei der umfangreichen Recherche sehr behilflich war, und durch die Förderung des Beauftragten der Ministerpräsidentin für jüdisches Leben und Antisemitismusfragen in Rheinland-Pfalz und die Dr. Wolfgang und Anita Bürkle-Stiftung, Kirn. Ihnen gilt der besondere Dank unseres Fördervereins Mahnmal Koblenz.

Sehen Sie jetzt HIER die (PDF-)Ausstellung „Rheinische jüdische und politische Emigranten in französischer Haft“.

nach oben